Ein Amerikanischer Fehler in Deutschland

Donald Trumps Amerika ist nur ein paar Schritte von Hitlers Deutschland entfernt, aber historische Vergleiche weisen nicht nur in eine Richtung.

July 28. 2016

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Ein Amerikanischer Fehler in Deutschland

Donald Trumps Amerika ist nur ein paar Schritte von Hitlers Deutschland entfernt, aber historische Vergleiche weisen nicht nur in eine Richtung.

Amerika ist ein Lieblingsziel deutscher Witze – und das aus gutem Grund: mit unseren Rassenbeziehungen, Gewalt, Gesundheits- und Bildungssystem, Präsidentschaftskandidaten und innerpolitischen Konflikten könnten wir wirklich lächerlich wirken, wäre die Situation nicht so traurig. Wir Amerikaner haben in die letzten Monaten oft von Deutschen gehört, dass Donald Trump nur wenige Schritte von Adolf Hitler entfernt ist, und diese Warnungen finden Gehör (als jüdischer Journalist nehme ich sie sehr wohl ernst, insbesondere seit ich durch Trumps Nazi-Unterstützer belästigt werde, wenngleich ich argumentieren würde, dass die Trump-Bewegung mehr Ähnlichkeit mit Milosevics Anhängern oder Hutu Power hat, verstehe ich, warum die Deutschen Hitler als Vergleich wählen). Aber historische Vergleiche weisen nicht nur in eine Richtung: Donald Trumps Amerika ist sicherlich nur ein paar Schritte von Hitlers Deutschland entfernt, aber das heutige Europa ist seinerseits nur ein paar Fehltritte entfernt von Trumps Amerika.

Diese Angriffe lassen kein einheitliches Täterprofil erkennen, aber natürlich sucht man trotzdem nach Kennzeichen, die vielleicht eine Eindämmung der Gefahr erlauben würden.

Die Angreifer der Silvesternacht in Köln waren eine internationale Menge, zu der auch deutsche und amerikanische Bürger zählten. Die Attentäter in Paris waren alle französisch und belgisch, und der Lastwagenfahrer in Nizza war Franzose. Der Amokschütze in München scheint sich vornehmlich als Deutscher gefühlt zu haben; er war ein AfD-Anhänger und zielte bewusst auf Migranten. Es gab auch Anders Breivik in Norwegen (von diesem scheint sich der Amokschütze von München inspiriert gefühlt zu haben) und den Engländer, der Jo Cox ermordete. In der vergangenen Woche gab es auch einen syrischen Flüchtling, der als Sprengstoffattentäter Schlagzeilen machte, wobei nur er selbst getötet wurde, und im vergangenen Monat machte ein deutscher Geiselnehmer Schlagzeilen, als er mit Schreckschusswaffen und Stabhandgranaten-Attrappen Kinobesucher in seine Gewalt brachte, bevor er von der Polizei erschossen wurde.

Diese Beispiel lassen kein einheitliches Täterprofil erkennen: weiß, dunkelhäutig, englisch, syrisch, deutsch, französisch, marokkanisch, norwegisch – es ist keine Gruppenzugehörigkeit zu identifizieren,  aber natürlich sucht man trotzdem nach Kennzeichen, die vielleicht eine Eindämmung der Gefahr erlauben würden. Diese Suche nach einem generalisierbaren Täterprofil ist eines unserer größten Probleme in den USA, und seit letztem Jahr zeichnet sich eine ähnliche Tendenz in Europa ab, die seit vergangenem Monat auch in Deutschland angekommen ist.

Dieses Misstrauen übersetzen wir in Xenophobie und Menschenfeindlichkeit, der Donald Trump seinen großen Erfolg zu verdanken hat.

Amerika war früher ein Land, das viele verschiedene Nationalitäten, Rassen und Ethnien integrierte und ihnen erlaubte, zusammen zu leben und zu arbeiten. Aber in den letzten paar Generationen ist etwas schief gelaufen. Nach Jahren von Amokläufern, tödlichen Schießereien in Schulen, Serienmörder, sexueller Belästigung durch Geistliche, Rassenkrawallen, Polizeigewalt und Regierungskorruption – die alle in der Presse als Sensationen verkauft wurden –  haben Amerikaner begonnen, sich voneinander zu distanzieren. (Sicherlich ist der “Schmelztiegel” als Metapher ohnehin eine Schönfärbereit der Geschichte, insbesondere für Afroamerikaner, doch weisen Daten darauf hin, dass sich die US-Amerikaner früher viel stärker als Einheit fühlten und mehr Vertrauen in einander hatten als heute).

2013 dachte weniger als ein Drittel der Bevölkerung, dass die Mehrheit der Mitbürger vertrauenswürdig sei, so eine Studie der Associated Press. 66% gaben an, weder Kassieren, Fahrern, Reisenden noch der allgemeinen Bevölkerung zu trauen. Diese Quote ist heute sicherlich höher. Laut einer Gallup-Studie von 2016, vertrauen wir nicht unserer Regierung (zwischen 6% und 36%) oder unserem Strafjustizsystem (23%), aber auch nicht der Kirche (41%), der Presse (20%) oder unserem Bildungssystem (30%). Auf der Straße weiß niemand, wer eine Waffe trägt, aber jeder könnte ganz legal eine bei sich haben. Es gibt kein Vertrauen zwischen Demokraten und Republikanern, Schwarzen und Weißen, Armen und Reichen, Frauen und Männern. Und mit diesem Misstrauen sind auch Gewalt und Hass gewachsen. Amerikaner trauen niemandem außer den Mitgliedern ihrer kleinen Eigengruppen, und dieses Misstrauen übersetzen wir in Xenophobie und Menschenfeindlichkeit, der Donald Trump seinen großen Erfolg zu verdanken hat.

Europa ist jetzt ein wunderbarer “Schmelztiegel”, insbesondere dank des Schengen-Abkommens, aber auch etwa durch die Gastarbeiter-Abkommen mit der Türkei in früheren Jahren sowie aktuell durch die beispielhafte Willkommenskultur, mit der Deutschland im Sommer 2015 der Flüchtlingskrise begegnete. Nicht nur multikulti sondern auch integriert ist Europa wie es Amerika war in früheren, glorreichen Tagen (sicherlich gibt es auch ähnlich Probleme). Aber ähnlich wie in Amerika wächst nach den Amokläufern und der sexuellen Belästigung in der Silvesternacht und anderen Übergriffen, die mehrheitlich von EU-Bürgern begangen wurden, heute in Europa und Deutschland die Angst vor Fremden, die weniger von realen Ereignissen ausgelöst wird als durch Panikmache und Sensationslust.

Kanzlerin Merkel hat heute in einer Pressekonferenz gegen ein solches Misstrauen gekämpft. “Schlimm ist die allgemeine Verunsicherung. Die Sorge, wenn ich jemanden sehe: Was steckt dahinter, kann ich das erkennen? Deshalb muss der Staat seiner Aufgabe gerecht werden, das weitestgehende Vertrauen wieder herzustellen. Und daran arbeiten wir… Angst kann nicht der Ratgeber für politisches Handeln sein.” Dass müssen alle Europäer ernstnehmen.

Bitte helft uns Amerikanern, von euch zu lernen, anstatt Trump zu wählen, und schaut umgekehrt auf unser abschreckendes Beispiel, um nicht die gleichen Fehler zu machen. Von einer Schließung der Grenzen zum Bau einer Mauer ist es nicht weit. Von Angst zu Misstrauen, von Misstrauen zur Menschenfeindlichkeit und von dort zu einem deutschen Donald Trump sind es nur ein paar fehlgeleitete Schritte.

 


 

Bild: jfxgillis

July 28. 2016